Neues Internetportal gegen HIV-Diskriminierung

Menschen mit HIV erleben auch heute noch Diskriminierung, etwa im Beruf oder im Gesundheitswesen. Das Portal hiv-diskriminierung.de bietet ihnen nun Informationen und Unterstützung, um sich zu wehren.

Die Seite informiert über Diskriminierung im juristischen Sinn, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und den Datenschutz und bietet Adressen von Ansprechpartner_innen, die beim Vorgehen gegen Diskriminierung beraten und unterstützen.

Meldestelle für HIV-Diskriminierung

Zugleich dient das Portal als Meldestelle für selbst oder von anderen erlebte Diskriminierung. Unter www.hiv-diskriminierung.de/diskriminierung-melden findet sich dazu ein Fragebogen, in dem man auch angeben kann, wenn man Beratung wünscht. Die Kontaktstelle HIV-bezogene Diskriminierung der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) setzt sich dann mit der meldenden Person in Verbindung.

„Informationen über Diskriminierungsfälle sind wichtig für uns“, erklärt Sven Warminsky vom Vorstand der DAH. „Nur wenn wir wissen, wie oft, in welcher Form und durch welche Institutionen Menschen mit HIV diskriminiert werden, können wir strukturelle Veränderungen einleiten – damit Diskriminierung künftig nicht mehr geschieht.“

Infos, Materialien und Links zum Thema HIV und Diskriminierung

Darüber hinaus bietet hiv-diskriminierung.de weiterführende Materialien zum Herunterladen, Links und Hinweise zu Schulungen und Veranstaltungen der Deutschen AIDS-Hilfe zu diesem Thema und Infos für Beratende.

Dass es sich bei Diskriminierung aufgrund der HIV-Infektion keineswegs um Einzelfälle handelt, zeigte bereits die 2011/12 durchgeführte bundesweite Befragung „positive stimmen“, mit der erstmals Zahlen zur Stigmatisierung von Menschen mit HIV ermittelt wurden.

Die Deutsche AIDS-Hilfe hat darauf unter anderem mit der Einrichtung der „Kontaktstelle HIV-bezogene Diskriminierung“ reagiert. Auch in immer mehr Aidshilfen vor Ort gibt es ausgewiesene Ansprechpersonen für Ratsuchende in Diskriminierungsfällen.

Portal hiv-diskriminierung.de: https://hiv-diskriminierung.de/

10 Jahre EKAF – Schutz durch Therapie

HIV kann unter einer wirksamen antiretroviralen Therapie auch beim Sex nicht übertragen werden. Am 30. Januar 2008 wurde dieser Fakt erstmals im sogenannten EKAF-Papier veröffentlicht, international als Swiss Statement bekannt. Das Papier hat einen Meilenstein in der modernen HIV-Prävention gesetzt. Denn seitdem gilt: Schutz durch Therapie wirkt.

In der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlichte 2008 eine Forschergruppe um den Wissenschaftler Pietro Vernazza, dass HIV unter erfolgreicher Therapie nicht mehr übertragen wird. Seitdem hat sich dafür der Begriff Schutz durch Therapie etabliert (englisch Treatment As Prevention).

Schutz durch Therapie führte zu einer Erweiterung der Safer Sex Botschaften: Das Kondom ist heute nicht mehr das einzige wirksame Mittel zur Verhinderung einer HIV-Infektion.

Nicht zu unterschätzen ist gleichzeitig auch die Bedeutung von Schutz durch Therapie im Kampf gegen Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen und für Anti-Diskriminierung. Wer einmal begriffen hat, dass selbst beim kondomlosen Sex mit HIV-positiven Menschen unter einer wirksamen Therapie das Virus nicht mehr übertragen werden kann, verliert (hoffentlich) auch mögliche Vorbehalte ihnen gegenüber.

Doch bis heute wissen viele Menschen nicht um die Schutzwirkung der HIV-Therapie. Laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist lediglich 10 Prozent der deutschen Bevölkerung dieser Sachverhalt bekannt.

Studienlage

Mittlerweile haben Studien die Schutzwirkung der antiretroviralen HIV-Therapie belegt. Der Meilenstein war dabei die Studie HPTN 052, vom Wissenschaftsmagazin Science zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2011 erklärt. Sie zeigte wissenschaftlich zweifelsfrei, dass die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Übertragung beim Sex ohne Kondom (sie liegt normalerweise statistisch bei rund einem Prozent) durch eine gut funktionierende Therapie mit HIV-Medikamenten um mindestens 96 Prozent gesenkt wird. Die Therapie schützt damit genauso effektiv wie Kondome.

Bestätigt wurde HPTN 052 durch die 2016 veröffentlichte PARTNER-Studie. An ihr nahmen 548 heterosexuelle und 340 schwule Paare teil, bei denen jeweils ein_e Partner_in HIV-negativ und eine_r Partner_in HIV-positiv und wirksam therapiert war. Im Studienzeitraum hatten die Paare insgesamt 58.000 Mal Sex ohne Kondom (Vaginal- und Analverkehr). Trotzdem kam es zu keiner HIV-Übertragung.

Mit der „Opposites-Attract“-Studie liegt seit 2017 ein weiterer wissenschaftlicher Beleg vor. Dieser zeigt, dass die Schutzwirkung auch für Analverkehr unter schwulen Männern gilt: An der Studie nahmen insgesamt 343 schwule Paare aus Australien, Bangkok und Rio de Janeiro teil. Auch hier war jeweils ein Partner HIV-negativ, ein Partner HIV-positiv und wirksam therapiert. Im Studienzeitraum hatten die Paare fast 17.000 Mal Analverkehr ohne Kondom. Trotzdem gab es innerhalb der schwulen Paare keine HIV-Übertragungen.

 

Quelle: Deutsche AIDS-Hilfe e.V. veröffentlicht am 28.01.2018

 

 

 

 

 

WHO – Späte HIV-Diagnosen

WHO: Jede zweite HIV-Infektion in Europa wird erst spät diagnostiziert

In Europa ist die Zahl der HIV-Neudiagnosen erneut gestiegen. 2016 wurden in der WHO-Europaregion über 160.000 HIV-Infektionen festgestellt, davon rund 29.000 in den Ländern der Europäischen Union (EU) und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR).

Dies geht aus einem veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC hervor.

Demnach ist Europa weltweit die einzige Region der WHO, in der die Zahl der HIV-Neuinfektionen weiter ansteigt. 2016 entfielen fast 80 % der 160.000 HIV-Neudiagnosen auf den östlichen Teil; die höchste Rate wurde in Russland verzeichnet (mit rund 70 Diagnosen pro 100.000 Einwohner_innen).

„Das ist die bisher höchste registrierte Zahl von neuen Fällen innerhalb eines Jahres“, erklärte Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. „Setzt sich dieser Trend fort, werden wir das Ziel, die HIV-Epidemie bis 2030 zu beenden, nicht erfüllen können“, warnte sie.

Viele Spätdiagnosen

Ein Grund für diese Entwicklung ist laut dem Bericht auch, dass über die Hälfte (51 %) der gemeldeten HIV-Diagnosen in Europa erst in einem späten Stadium gestellt wird. Im Schnitt vergehen drei Jahre zwischen Infektion und Diagnose. Dabei steigt der Anteil der Spätdiagnosen mit der Altersgruppe: 65 % der über 50-jährigen HIV-Positiven in der WHO-Europaregion wurden 2016 erst diagnostiziert, als die Infektion schon weit fortgeschritten war.

„Die späte Testung, insbesondere von Personen mit einem höheren Infektionsrisiko, führt zu einer späten Behandlung und trägt weiter zu einer anhaltenden Ausbreitung von HIV bei“, erklärt Jakab in einer Pressemitteilung. Anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember appelliert sie an alle Länder der Region, jetzt entschlossene Maßnahmen zu ergreifen, um in Europa eine Trendwende bei der HIV-Epidemie herbeizuführen.

Dazu gehörte unter anderem Aufklärung und Sensibilisierung, die Förderung von Schutzmaßnahmen beim Sex wie Kondome und die HIV-Prophylaxe PrEP sowie die Förderung der Substitutionstherapie und von Spritzentauschprogrammen für Drogengebraucher_innen. Zudem seien wirksame Beratungs- und Testangebote wichtig, dazu gehörten auch Schnelltests und Community-basierte Angebote sowie HIV-Selbsttests. Darüber hinaus müsse ein schneller Zugang zu hochwertiger Behandlung und Versorgung sichergestellt werden.

(ascho/Christina Laußmann)

Quelle/weitere Informationen:

Pressemitteilung der Weltgesundheitsorganisation Bericht von WHO und ECDC

Robert Koch-Institut: aktuelle Zahlen zu HIV/Aids in Deutschland

RKI-Bericht: Neuinfektionen stabil – weiterhin viele Spätdiagnosen

23. November 2017

Robert-Koch-Institut veröffentlicht HIV/Aids-Bericht mit aktuellen Zahlen zu Neuinfektionen, HIV-Spätdiagnosen, Therapiequote und dem Stand zu den 90-90-90-Zielen von UNAIDS.

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland ist weiterhin stabil. Im Jahr 2016 infizierten sich wie im Jahr 2015 rund 3.100 Menschen mit HIV. Das hat heute das Robert-Koch-Institut in seinem Epidemiologischen Bulletin mitgeteilt.

Im europäischen Vergleich hat Deutschland damit weiterhin eine geringe Zahl von Neuinfektionen. In den verschiedenen von HIV betroffenen Gruppen sind dabei unterschiedliche Trends zu beobachten:

Bei den schwulen und bisexuellen Männern sind die Neuinfektionen in den letzten Jahren leicht gesunken – von 2.500 im Jahr 2013 auf 2.100 im letzten Jahr. Einer der Gründe: Prinzipiell wird heute so früh wie möglich mit einer Therapie begonnen – damit werden  auch weitere Übertragungen verhindert. Durch verbesserte Testangebote – vor allem in den Checkpoints der Aidshilfen – werden HIV-Infektionen früher festgestellt. Die HIV-Prophylaxe PrEP könnte den Abwärtstrend bei den Infektionszahlen nun noch erheblich verstärken.

Schwule und bisexuelle Männer sind weiterhin die am stärksten betroffene Gruppe, auf sie entfallen etwa zwei Drittel der Neuinfektionen.

Bei HIV-Infektionen durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr war seit 2010 ein Anstieg zu verzeichnen, der sich aber 2016 nicht fortgesetzt hat. 490 Frauen (15,8 % der Neuinfektionen) und 260 Männer (8,4%) infizierten sich. Heterosexuelle HIV-Infektionen entstehen überwiegend bei sexuellen Kontakten mit Menschen aus den am stärksten betroffenen Gruppen (bisexuelle Männer, Menschen, die Drogen injizieren, Menschen aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist).

Bei den HIV-Infektionen durch intravenösen Drogenkonsum ist seit einigen Jahren ein Anstieg zu beobachten. Mit 240 Fällen macht diese Gruppe knapp 8 Prozent der Neuinfektionen aus. Einer der Gründe ist ein Anstieg von HIV-Infektionen unter Drogenkonsumierenden in Osteuropa, aufgrund von mangelnder Prävention und neuen Drogen, die häufig gespritzt werden. Dieser Anstieg nimmt aufgrund von erhöhter Mobilität  auch Einfluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland.

Zugleich ist die Zahl der neuen HIV-Diagnosen bei Menschen, die nicht aus Deutschland stammen, im letzten Jahr zurückgegangen.

Weiterhin viele Spätdiagnosen

Insgesamt leben rund 88.400 Menschen in Deutschland mit HIV. Diese Zahl steigt seit Jahren, weil nur noch relativ wenige Menschen an den  Folgen der HIV-Infektion sterben.

12.700 Menschen wissen nichts von ihrer Infektion; diese Zahl steigt seit 2006.

Rund 1.100 Menschen erfuhren im Jahr 2016 erst von ihrer HIV-Infektion, als sie bereits Aids beziehungsweise einen schweren Immundefekt hatten. Knapp ein Drittel der HIV-Diagnosen sind also so genannte Spätdiagnosen. Dabei lässt sich eine Aids-Erkrankung heute bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung vermeiden.

Bei den homosexuellen Männern und Drogen konsumierenden Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer HIV-Diagnose bereits 30% schwer erkrankt.

Heterosexuelle, denen HIV-Risiken oft nicht bewusst sind, lassen sich noch häufiger lange Zeit nicht testen. In dieser Gruppe liegt der Anteil der Spätdiagnosen bei 35%.

Therapiequote

Die Therapiequote ist im letzten Jahr gestiegen: Von den wissentlich HIV-positiven Menschen in Deutschland nehmen 86% Medikamente gegen die Infektion. 2006 lag diese Zahl noch bei 74%. Seit 2015 empfehlen die Behandlungsleitlinien einen sofortigen Therapiebeginn.

90-90-90-Ziele

Bezüglich der 90-90-90-Ziele von UNAIDS liegt Deutschland damit jetzt bei 86-86-93. 86% der HIV-infizierten Menschen wissen von ihrer Infektion, 86 % davon erhalten eine Therapie, davon ist bei 93 % die Behandlung so gut wirksam, dass HIV nicht mehr nachweisbar und übertragbar ist. Ziel ist als Etappenziel bis 2020 jeweils ein Wert von 90%.  

Handlungsempfehlungen

Das Robert-Koch-Institut benennt in seinen Epidemiologischen Bulletin im Abschnitt Handlungsempfehlungen mehrere mögliche Maßnahmen, die HIV-Infektionen verhindern könnten. Dazu gehört die medikamentöse HIV-Prophylaxe PrEP, die Legalisierung des HIV-Selbsttests sowie ein verbesserter Zugang zu medizinischer Behandlung für Menschen ohne Papiere beziehungsweise EU-Bürger ohne Krankenversicherung.

Epidemiologisches Bulletin

Pressemitteilung der Deutschen AIDS-Hilfe zu den aktuellen Zahlen

HIV IM DIALOG 2017

FAST-TRACK City Berlin
HIV verhindern – Aids beenden – Stigma entsorgen

Einladung zum internationalen Fachkongress „HIV IM DIALOG“2017
am 06. und 07. Oktober 2017 im Berliner Rathaus

Berlin ist Fast – Track Citiy. Im Jahr 2016 erklärte der Regierende Bürgermeister Michael Müller den Beitritt zur gleichnamigen Initiative von UNAIDS. Ziel: Die Aids – Epidemie bis 2030 beenden.
Bis 2020 soll ein Etappenziel erreicht sein: 90% der Menschen mit HIV wissen von ihrer Infektion, 90% erhalten eineTherapie, bei 90 davon ist HIV nicht mehr nachweisbar. Diese Ziele sind in Berlin noch nicht erreicht, hier liegt man zurzeit bei 86-89%. Zugleich ist Berlin die Stadt mit den meisten HIV-Neuinfektionen in Deutschland. (430 pro Jahr, also mehr als eine pro Tag).

Die HIV-Communitiy steht in den Startlöchern, die Konferenz „HIV IM DIALOG“ ist der Startschuss für die letzten Meter Richtung Ende von Aids auf der Überholspur. Fachleute aus Medizin, Selbsthilfe und Prävention loten gemeinsam aus, wie Berlin das große Ziel – sehr viel weniger HIV-Infektionen, keine Aids-Erkrankungen mehr – in Angriff nehmen kann.

Wie kann die Prophylaxe PrEP verfügbar werden? Wie kann man dafür sorgen, dass noch mehr Menschen frühzeitig von ihrer HIV-Infektion erfahren und HIV-Medikamente erhalten? Wie Versorgungsmodelle für Menschen ohne Aufenthaltspapiere oder Krankenversicherung schaffen? Wie der Diskriminierung von Menschen mit HIV und den besonders stark betroffenen Gruppen noch stärker entgegenwirken?

„HIV IM DIALOG“ lotet Antworten auf diese und viele weitere Fragen aus. Darüber hinaus beschäftigt sich der Kongress aber auch mit einer Vielzahl an weiteren politischen, medizinischen und sozialen Themen rund um das Thema HIV/Aids und HCV.

Das Kongressprogramm sowie das Anmeldeformular findet man auf der Website: http://www.hiv-im-dialog.de

Der Kongress ist offen für alle und kostenfrei.

Das Ende von Aids bis 2020 erreichen – Kampagnenstart der Deutschen AIDS-Hilfe

„Kein AIDS für alle!“ – Unter diesem Motto hat die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) heute eine dreijährige Kampagne gestartet. Ziel: Ab dem Jahr 2020 soll in Deutschland niemand mehr an Aids erkranken müssen. Beim Auftaktsymposium in Berlin hält die ehemalige Bundestagspräsidentin und Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (CDU) am Vormittag eine Keynote mit dem Titel „Das Ende von Aids ist machbar“.

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Gesundheit ist ein Menschenrecht! Wir fördern eine bessere Versorgung von Menschen ohne Papiere!

image_largewhoAm Donnerstag 10.12.2015 wurde der Fachtag „Gesundheit ist kein Luxus“ von der DAH und der Initiative HIV & Migration organisiert.

Menschen, die ohne Aufenthaltspapiere in Deutschland leben, müssen dringend Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten. Auch EU-Bürgern ohne Krankenversicherung muss der Weg zur Gesundheitsversorgung geebnet werden.

Bei einer Tagung der Deutschen AIDS-Hilfe und der Bundesinitiative HIV und Migration unter dem Titel „Gesundheit ist kein Luxus!“ erörtern heute in Berlin 120 Fachleute aus mehreren Ländern, wie der Zugang zu medizinischer Behandlung in Deutschland für diese Gruppen sichergestellt werden könnte. Die Weichen muss jedoch die Bundesregierung stellen.

Gesundheit ist ein Menschenrecht

Dazu erklärt Sylvia Urban vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe: „Ein Versorgungsmodell für Menschen ohne Papiere oder Versicherung ist überfällig. Ein Zugang zur regulären Gesundheitsversorgung ist ethisch, epidemiologisch und ökonomisch geboten. Die Politik steht in der Pflicht, die Praktiker im Gesundheitswesen mit diesem Problem nicht länger allein zu lassen. Gesundheit ist kein Luxus, sondern ein Menschenrecht!“

Der Ausschluss von medizinischer Behandlung führt nicht selten zu vermeidbaren schweren Erkrankungen wie Aids – teilweise mit tödlichen Folgen. Er trägt zugleich zur Verbreitung von Infektionen wie HIV bei.

„Hier untätig zu bleiben, widerspricht aller Vernunft und Menschlichkeit“, sagt Sylvia Urban.

Die Organisation Ärzte der Welt erklärt: „Die Tatsache, dass Nicht-Regierungsorganisationen versuchen müssen, die Versorgungsdefizite über die Einrichtung von Ambulanzen und Praxen zu schließen, ist weder gesundheitsökonomisch noch menschenrechtlich vertretbar. Die Bundesregierung hat die Pflicht sicherzustellen, dass alle Menschen in Deutschland Zugang zur Gesundheitsversorgung gemäß der UN-Menschrechtscharta erhalten.“

Bisher sind viele Menschen ohne Papiere oder Versicherung auf die besondere Unterstützung von Ärzten und Hilfsorganisationen angewiesen. Länder wie England und Spanien zeigen mit ihren Versorgungsmodellen längst, dass es auch anders geht.

Angst vor Abschiebung verhindert Behandlung

Menschen ohne Papiere haben in Deutschland zwar formal Anspruch auf eine eingeschränkte medizinische Behandlung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Viele begeben sich jedoch aus Angst vor Abschiebung nicht in Behandlung. Denn wer zum Arzt oder in die Notaufnahme geht, zeigt sich quasi selbst an.

Behandelnde Einrichtungen müssen sich zur Kostenerstattung an das Sozialamt wenden, das gemäß Aufenthaltsgesetz zur Weiterleitung der Daten an die Ausländerbehörde verpflichtet ist. (Eine nicht verbindliche Ausnahmeregelung gibt es lediglich für Notfallbehandlungen.) Geltendes Recht verhindert eine wirkungsvolle Behandlung kranker Menschen.

Auch EU-Bürger von Versorgung ausgeschlossen

Zugangshindernisse bestehen auch für manche EU-Bürger in prekären Lebenssituationen, zum Beispiel aus osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien. Eine reguläre Krankenversicherung ist für sie oft unerreichbar, teilweise greifen im Heimatland bestehende Versicherungen nur im Notfall oder können nicht nachgewiesen werden.

Frühe reguläre Versorgung ist effektiver und billiger

Oft landen Menschen aufgrund dieser Zugangsvoraussetzungen am Ende mit weit fortgeschrittenen Krankheiten und irreparablen Gesundheitsschäden in der Notaufnahme, manche sind nicht mehr zu retten. Die Behandlung ist dann in der Regel aufwändig und teuer.

Zugleich zeigen Studien, dass die Aufnahme aller Migranten in die reguläre Versorgung wirtschaftlich günstiger ist als aufwändige Parallelsysteme mit weniger Leistungen.

Die Bundesinitiative HIV und Gesundheit fordert daher:

  • Zugang aller in Deutschland lebenden Menschen zur Regelversorgung, wie sie durch die gesetzliche Krankenversicherung zur Verfügung steht
  • Ein erster unverzichtbarer Schritt: Die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen darf nicht länger zur Weitergabe der persönlichen Daten an die Ausländerbehörde führen.
  • Eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung auch für Menschen, die ihre Identität aus persönlichen Gründen nicht preisgeben können oder wollen
  • Eine frühzeitige Therapie der HIV-Infektion gemäß den Empfehlungen der Welt-Gesundheitsorganisation – sie verbessert den Gesundheitszustand erheblich und beugt einer Übertragung von HIV vor.

Zum Netzwerk „HIV und Migration“ gehören:

  • Deutsche AIDS-Hilfe
  • Ärzte der Welt
  • AIDS Action Europe
  • Verband für Interkulturelle Arbeit (VIA), Berlin
  • Medizinische Praktiker_innen aus HIV-Praxen und Kliniken
  • Gesundheitszentren
  • lokale Aidshilfen
  • Projekten für Sexarbeiter_innen und drogengebrauchende Menschen
  • weitere politische Initiativen

Neue Zahlen des Robert Koch Instituts: Stabilität heißt nicht Immobilität

Quelle: Deutsche Aids Hilfe

Vorbeugende Einnahme von Medikamenten möglich machen / 13.200 wissen nichts von ihrer Infektion / Diskriminierung schreckt vom Test ab.

Grafik: Kurve zeigt Zahl der HIV-Infektionen seit den 80er Jahren
Seit 2006 ist die Zahl der Neuinfektionen stabil

Im Jahr 2014 haben sich in Deutschland 3.200 Menschen mit HIV infiziert – ebenso viele wie im Vorjahr. Diese Schätzung hat heute das Robert-Koch-Institut bekannt gegeben. Seit 2006 ist Zahl der HIV-Neuinfektionen bei kleinen Schwankungen stabil.

Nach wie vor betreffen rund drei Viertel der Neuinfektionen (72%, 2.300) Männer, die Sex mit Männern haben. Heterosexuelle machen etwas mehr als 18% aus (580 Fälle), davon sind 11,6% (370) Frauen und  6,6% (210) Männer.

7,5% (240) der Neuinfektionen entfallen auf Menschen, die sich Drogen injizieren.

Insgesamt leben in Deutschland rund 83.000 Menschen mit HIV. Diese Zahl steigt, weil aufgrund der heute verfügbaren Therapien weniger Menschen mit HIV sterben als sich neu infizieren.

Rund 13.200 Menschen leben mit HIV, ohne es zu wissen. Im Jahr 2006 waren es 11.300. (Migrantinnen und Migranten, die sich im Herkunftsland infiziert haben, sind bei diesen Zahlen erstmals nicht mitgerechnet, weil ihre Zahl zurzeit schwer schätzbar ist.)

Von den HIV-Positiven, deren Infektion bereits diagnostiziert wurde, nehmen 83% HIV-Medikamente ein. Diese Quote steigt seit Jahren: 2006 waren es 72%.

Die Zahl der HIV-Infektionen in Deutschland ist im europäischen Vergleich niedrig. Die Deutsche AIDS-Hilfe setzt sich dafür ein, die erfolgreiche Prävention weiter zu intensivieren, damit sich in Zukunft noch weniger Menschen mit HIV infizieren.

Mehr Informationen:

Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch Instituts 45/2015
Pressemitteilung der Deutschen Aids Hilfe

Positivschwanger: der Film ist online

schwangerSeit eigenen Tagen ist der Film „Positiv Schwanger“ Online zu sehen. Hier sagen wir mehr über dieses Projekt, das von der Deutschen AIDS Hilfe unterstützt wird und sehr „tabu-brechend“ ist.

positiv schwanger bietet gesundheitliche Information zum Thema HIV und Schwangerschaft. Im Vordergrund stehen dabei HIV-positive Menschen mit Kindern bzw. Kinderwunsch. Gleichzeitig will der Film das Thema in der Öffentlichkeit verankern, denn eine HIV-Infektion ist oft noch ein Tabu. Ängste und Schuldzuweisungen bestimmen bei vielen Menschen das Denken und Ausgrenzung ist die Folge. Dies trifft eine Schwangere bzw. eine Mutter doppelt, da auch ihr Kind stigmatisiert wird. positiv schwanger will aufklären und Ängste abbauen.

Für den Film hat das Team von Take Part media and science Menschen mit HIV interviewt, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Fragen zum Thema Schwangerschaft und HIV schildern.

Die Wunschinterviewpartner sind eine HIV-positive Mutter, ein diskordantes Paar (d.h., einer ist HIV-positiv, der andere nicht) und eine Frau mit Migrationshintergrund.

Experten erläutern die medizinischen und psychologischen Hintergründe. Frau Dr. Annette Haberl, Leiterin des größten Mutter-Kind-Zentrum für HIV-positive Frauen in Frankfurt und Frau Dr. Susanne Usadel vom Infektiologikum der Universitätsklinik Freiburg erklären medizinische Zusammenhänge, Grafiken und Grafikanimationen unterstützen dabei die wissenschaftlichen Informationen. Ein psychologischer Experte schildert die Unterstützungsmöglichkeiten durch Beratungsstellen.

Der fertige Film wurde vor kurzem auf dieser Webseite kostenlos veröffentlicht.

Während der Produktion wollte das Team das Thema schon in die Öffentlichkeit bringen, deswegen sind alle Produktionsetappen hier auf diesem Blog zu sehen. Alle Interviews werden angekündigt und im öffentlichen Raum geführt. Die regionalen Aidshilfen flankierten die Dreharbeiten mit Aktionen zum Thema, um möglichst viel Präsenz zu schaffen.

Neben dem Blog gibt es auch eine Facebook Seite und einen Twitter Account – das Team wünscht sich Öffentlichkeit, Austausch, Diskussion. Machen Sie mit!

Neue Infektionszahlen vom Robert-Koch-Institut für 2014

Quelle. Deutsche AIDS-Hilfe / Robert Koch Institut

Für das Jahr 2014 wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) 3.525 HIV-Neudiagnosen gemeldet, 7% mehr als im Vorjahr. Dieser Anstieg sagt aber nichts über aktuelle Infektionszahlen aus.

 

Das geht aus dem heute veröffentlichten Epidemiologischen Bulletin Nr. 27/2015 des RKI hervor.

Die Zahl der HIV-Neudiagnosen darf nicht mit der Zahl der HIV-Neuinfektionen verwechselt werden. Sie lässt keinen direkten Rückschluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland zu, sondern gibt lediglich an, wie viele Menschen erstmals HIV-positivgetestet wurden. Die meisten von ihnen haben sich schon vor Jahren infiziert.

2.864 Neudiagnosen entfallen auf Männer (+6%), 659 auf Frauen (+11%), zwei Diagnosen lassen sich keinem Geschlecht zuordnen. In der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben, stieg die Zahl der Neudiagnosen von 1752 auf 1904 (8,6%), bei Heterosexuellen von 598 auf 780 (30,4%). Bei den Menschen, die sich Drogen injizieren, gab es einen Anstieg von 101 auf 111. Die Zahl der Neudiagnosen ohne Angabe zum Übertragungsweg ging von 816 auf 705 zurück.

Bessere Datenqualität

Der Anstieg der gemeldeten Neudiagnosen ist zum Teil durch Verbesserungen bei der Datenerhebung zustande gekommen: Verstärkte Nachfragen bei Ärzten und Laboren erlauben dem RKI, mehr HIV-Diagnosen als sichere Erstdiagnosen einzustufen. Nach wie vor ist bei manchen Meldungen unklar, ob die HIV-Infektion erstmals festgestellt wurde oder ob es sich um eine Kontrolluntersuchung eines bereits gemeldeten Falles handelt. Diese Zahl nimmt aber seit Jahren ab, die Zahl der gesicherten Erstdiagnosen entsprechend zu.

Dieser Effekt erklärt aber nur einen Teil des Anstiegs der HIV-Neudiagnosen. Im Jahr 2014 wurden nach Einschätzung des RKI tatsächlich mehr Menschen erstmals HIV-positiv getestet als in den Jahren zuvor. Ein großer Teil von ihnen stammt aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist; die Übertragung hat meist im Herkunftsland stattgefunden. Hier spiegeln sich steigende Flüchtlingszahlen in den HIV-Diagnosezahlen. Dies erklärt auch den verhältnismäßig starken Anstieg in der Gruppe der Heterosexuellen.

Bei der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben, geht das RKI ebenfalls von einem echten Anstieg der Neudiagnosen aus. Ob auch die Zahl der Neuinfektionen in dieser Gruppe gestiegen ist, lässt sich erst im November beantworten. Dann veröffentlicht das RKI auf Basis weiterer Berechnungen die Schätzung der HIV-Neuinfektionszahlen.

Erkenntnisse über Schutzverhalten im Herbst

Ebenfalls im Herbst werden die Ergebnisse einer Studie über das Schutzverhalten schwuler und bisexueller Männer in Deutschland veröffentlicht („Schwule Männer und HIV/AIDS“). Erst dann lässt sich die Frage beantworten, ob es Veränderungen im Schutzverhalten gibt und inwiefern sie sich in Infektionszahlen niederschlagen. Bisher gibt es dafür keine belastbaren Daten.